Leseprobe
„Ich gehe in meinem Leben spazieren“
Zehn Jahre verbrachte Mutter im Pflegeheim. Sie war alleinstehend, hatte in einer Zweizimmerwohnung gewohnt.
Mehrfach war sie schwer gestürzt, draußen und auch in der Wohnung. Regelmäßig vergaß sie ihr Essen auf dem Herd – während sie sich anderen Dingen zuwandte, brannte es an. Nach einem schweren Sturz wohnte ich eine Zeit lang bei ihr und musste feststellen, dass Mutter nicht mehr in der Lage war, alleine für sich zu sorgen, und ein Umzug in eine Pflegeeinrichtung nötig wurde.
Ihr wäre es am liebsten gewesen, wenn wir gemeinsam in eine Wohnung gezogen wären – oder ich zu ihr in die kleine Dachgeschosswohnung. Sie stellte sich vor, dass ich mich um sie kümmern und sie pflegen würde. Dafür hätte ich meinen Beruf auf geben müssen. Doch sie war überzeugt, dass wir von ihrer Rente gemeinsam hätten leben können.
Vielleicht wäre das mit Einschränkungen sogar möglich gewesen – ich spürte aber, dass ich diesen Weg nicht gehen konnte. Ich war sehr glücklich in meinem Beruf und außerdem hätten mir Rentenbeiträge gefehlt. In den ersten Jahren war Mutter zwar körperlich schon sehr eingeschränkt, aber sie konnte sich in ihrem Zimmer und im Pflegeheim mit dem Rollator fortbewegen. Ich besuchte sie, so oft ich konnte.
Wir hielten zusammen ihr Zimmer und die Schränke in Ordnung und gingen gemeinsam zu Veranstaltungen des Heims, etwa der Weihnachtsfeier oder dem Sommerfest – und natürlich zu den Gottesdiensten in der Kirche, die direkt mit dem Pflegeheim verbunden war. Manchmal saßen wir auch einfach nebeneinander in der Kirche und lauschten dem Orgelspiel, wenn der Kantor für den Sonntagsgottesdienst probte.
Einige Jahre lang war Mutter aktives Mitglied im Bewohnerbeirat – eine verantwortungsvolle Aufgabe. Sie hatte ein sehr gutes Verhältnis zur Heimleitung und wurde auch außerhalb der offiziellen Sitzungen regelmäßig in Entscheidungsprozesse einbezogen und um Rat gefragt.
Sie hatte stets ein offenes Ohr für die Beschwerden der Mitbewohner, meist ging es dabei um das Essen. Deren Vorschläge und Kritik brachte sie dann in den Bewohnerbeirat ein.
Ihren 94. Geburtstag feierten wir mit einigen Gästen. Damals konnte sie sich noch selbstständig mit dem Rollator bewegen. Es war der 5. März 2020. Wenige Tage später wurde alles geschlossen – Schulen, Kindergärten, Geschäfte und auch Pflegeheime. Die Coronapandemie erreichte Deutschland mit voller Wucht. Diese Zeit war für alle schwierig und schränkte Besuche stark ein.
Genau in diesem Moment begann sich ihr Zustand zu verändern, körperlich und geistig. Es ist gut möglich, dass dies mit den plötzlichen Einschränkungen zusammenhing: Veranstaltungen fanden nicht mehr statt, die Pflegekräfte trugen Masken und die Besuche von Angehörigen oder Freunden wurden zum Teil ganz verboten. Alle Bewohner mussten in ihren Zimmern bleiben. Die gewohnte Nähe, das Miteinander, all das fehlte plötzlich.
Von da an schlief Mutter viel – im Bett oder in ihrem Sessel mit Liegefunktion. Den Fernseher wollte sie nicht mehr eingeschaltet haben. Sie hörte und sah deutlich schlechter. Oft saß sie einfach da, döste vor sich hin und war in Gedanken irgendwo in ihrem Leben unterwegs. Wenn ich sie fragte, wo sie gerade sei, sagte sie: »Ich gehe in meinem Leben spazieren.«
Langsam verwandelte sich ihr Leben in Träume – glückliche, oft aber auch traurige und schmerzhafte. Immer häufiger geschah es, dass sie beim Erwachen noch in einem Traum gefangen war. Dann glaubte sie zum Beispiel, wieder ein Kind zu sein, und erzählte mir von einer Begebenheit, die für sie gerade ganz real war. Und irgendwann kam die Zeit, in der sie mich nicht mehr sofort erkannte. So manches Mal blieb ich ihr den ganzen Nachmittag über eine Fremde.
Das war für mich eine sehr schwierige und traurige Zeit. Wenn ich ihr einen Kuss geben wollte und sie mich abwies, wenn ich versuchte, ihre Hand zu halten, und sie sie mir entzog. Obwohl ich wusste, dass es nicht gegen mich gerichtet war, traf mich das tief ins Herz und tat weh.
Wenn euch diese kurze Leseprobe berührt oder neugierig macht, freue ich mich, wenn ihr im Buch weiterlest.